Interviews
"Als Selbst-SprecherInnen auftreten,
die etwas zu sagen haben!"
Ein Gespräch mit Martin Schenk*
In Österreich sind um die 214 000 Menschen manifest arm *,
berücksichtigt man zudem die Haushalte, die ihren Anspruch auf Sozialhilfe
nicht geltend machen, gibt es hierzulande eine halbe Million Menschen unterhalb
der Armutsgrenze. Wer arm ist, ist nicht nur der Stigmatisierung im Kontakt mit Institutionen und erhöhtem
Stress im Alltag ausgesetzt, sondern stirbt auch früher. Über den
Umgang mit dem in breiten Bevölkerungskreisen tabuisierten
Phänomen, Orte der Beschämung, Bedingungen für soziale
Partizipation und strukturelle Maßnahmen zur Armutsbekämpfung hat Barbara
Eder mit Martin Schenk gesprochen. Im Rahmen seiner Tätigkeit
reagiert der Sozialexperte der Diakonie Österreich auf den gesellschaftlichen
Befund wachsender Armutszahlen mit praxiswirksamen Strategien, die den von
ökonomischer Armut Betroffenen zu mehr Handlungsfähigkeit verhelfen.
In den 1920er Jahren hat Max Weber den Zusammenhang von
protestantischer Ethik und Kapitalanhäufung in den Händen Weniger nachgewiesen,
Kapitalismus und Protestantismus sind demnach historisch gesehen enge Verbündete. Woher
kommt der moralische und/oder ideologische Imeptus der Diakonie sich heute in
der Armutsbekämpfung zu engagieren?
Das Weber’sche Konzept der Auserwähltheit qua
Statusfeststellung war zwar historisch wirkmächtig, theologisch ist es
weniger begründbar. Der Vorstellung, dass auf dem/der Gottes Hand ruht,
die/der es geschafft hat, steht die Idee einer Option für die Armen
gegenüber. Letztere dreht die Webersche These vollkommen um: Wer nicht auf
Seiten der Armen ist, stellt sich gegen Gott. Folglich muss man eine
Entscheidung treffen, auf die Seite welcher Interessen man sich stellt.
Sozialethik kann man nicht in den Wolken betreiben, sondern muss sich auf die
Seite derer schlagen, die sonst nicht viel zu sagen haben. Eigentlich ist das
ein radikaler Humanismus, verknüpft mit dem Einsatz für
Benachteiligte – die, die eine höhere Verletzbarkeit haben, sozioökonomisch,
physisch, psychisch und aufgrund ihrer Lebensumstände.
Was sind die Erscheinungsformen von Armut, wie sind die
Lebenslagen der Menschen, die in die Beratungsstellen der Diakonie kommen?
Das Problem ist, dass die Gruppe der von Armut Betroffenen
zwar groß, aber vollkommen inhomogen ist und sich deshalb schwer Solidaritäten
herstellen lassen. Zu den Beratungsstellen kommen viele bäuerliche Familien,
die bei einem Milchpreis von 38 Cent pro Liter von ihrer Tätigkeit nicht mehr
leben können, prekär sind auch die in Kurzarbeit geschickten
IndustriearbeiterInnen, LeiharbeiterInnen, die infolge der Krise als Erste
entlassen wurden, MigrantInnen – besonders Frauen – im Reinigungsbereich und
Handel sowie im Zeitungsverkauf, genauso wie das Kreativ- und
AkademikerInnenprekariat, das die Beratung allerdings kaum in Anspruch nimmt.
Von der ökonomischen Situation her ist dies allerdings das gleiche!
Wie kann mensch Solidaritäten zwischen diesen sehr
inhomogenen Gruppen herstellen?
Da bin ich zur Zeit selbst ein wenig ratlos. Die
entscheidende Frage ist die, wie man Solidaritäten erzeugt. In Frankreich hat
es eine Kundgebung von Erwerbsarbeitslosen, SozialhilfeempfängerInnen und den Sans
Papiers gegeben, anlässlich derer Pierre Bourdieu von einem "soziologischen
Wunder" gesprochen hat. Trotz Unterschiedlichkeit haben diese Gruppen gemeinsam
Flugblätter geschrieben und sind auf die Straße gegangen.
Die Hoffnung war groß über den Begriff der ,Prekarität’
Allianzen herzustellen. Der Begriff ,Armut’ eignet sich dazu nur bedingt, da
dieser den Mangel sehr stark in sich trägt und sich niemand gerne als
,arm’ definiert. Diese Selbstdefinition löst zumeist Fürsorge aus und ist
weitgehend ein Begriff der Armutsfunktionäre und der ExpertensoziologInnen –
auch wenn er sich zum politischen Lobbying sehr gut eignet: Damit kann man den
Staat dazu auffordern etwas zu tun.
Bildung wird zumeist als Allheilmittel zur Vermeidung
von Armut angepriesen, viele ehemalige StudentInnen finden jedoch auch nach dem
Studienabschluss keinen Zugang zum Arbeitsmarkt und verdingen sich als "working
poor". Welcher Zusammenhang besteht zwischen Bildung und Armut?
Statistisch ist der Zusammenhang zwischen Bildung und
Erwerbslage ganz klar: Je mehr Bildung, desto weniger Arbeitslosigkeit, desto
höheres Einkommen und desto mehr Vermögensbesitz. In Österreich gibt es jedoch
kaum soziale Mobilität. Soziale Mobilität setzt nicht allein Bildung im Sinne
von Wissen voraus, sondern vielmehr die ,richtigen’ FreundInnen, den
,richtigen’ Dialekt, die ,richtigen’ Freizeitaktivitäten und neben den
,richtigen’ Qualifikation – wobei sich der Arbeitsmarkt ständig ändert – auch
den ,richtigen’ Namen. Einen serbokroatischen Namen zu haben, reduziert die
Chance zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, nach einer jüngeren
Studie um 50 Prozent!
Bildung muss immer in diesen Zusammenhängen gesehen
werden, es ist nichts Isoliertes, sondern ein ,heißes’ Gut. Dazu kommt
freilich noch die Verschleierung der Existenz der prekären Masse durch
Individualisierungen anhand von Einzelfällen. Um die Weihnachtszeit werde ich
oft angerufen mit den Worten: "Guten Tag, Herr Schenk, wir suchen eine
alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern für eine Fallbeschreibung!" Diese
Form der Berichterstattung lässt es zwar zu, Menschen als Objekte der Fürsorge
darzustellen, nicht aber als ,Selbst-SprecherInnen’, die etwas zu sagen haben.
Wie werden aus Armutsbetroffenen ,Selbst-SprecherInnen’?
Es ist wichtig, Menschen in sozial schwierigen Situationen
widerständig zu machen und sie zu stärken. Diesbezüglich kann man – dies ist
auch aus der Sozialpsychologie und der Resilienzforschung bekannt – relativ
klare Bedingungen formulieren: FreundInnenschaften und soziale
Netzwerke sind wichtig um sozialen Zusammenhalt zu stärken und nicht allein
zu sein. Selbstwirksamkeit meint, das Steuerrad des eigenen Lebens im
engeren Umfeld in die Hand zu nehmen und beachtet zu werden, das Gegenteil wäre
Ohnmacht. Der dritte Punkt betrifft Anerkennung und Respekt – also das
Gegenteil von Beschämung. Das weiss man auch von sich selbst: Wenn diese
drei Faktoren zusammenwirken, ist das sehr bestärkend!
Einen derartigen Ansatz verfolgen wir auch im Rahmen des
Projekts „Sichtbar-Werden“. Wir wollen im Rahmen dieses Projekts Netzwerke bilden,
Leute, auf die man sich auch verlassen kann. Wir
arbeiten etwas aus, das unseren Forderungen entspricht und dann auch sichtbar
und gehört wird. Wenn man sieht, was die Leute, die vom Arbeitsamt
schikaniert werden und deren Fähigkeiten und Kenntnisse dadaurch entwertet
werden, alles können, dann wird dieses Wissen wieder sichtbar.
Worum geht es im Projekt „Sichtbar-Werden“?
Im Rahmen dieses Projekts haben wir unterschiedliche
Gruppen angesprochen, die bereits organisiert sind – wenngleich ihre Netze noch
relativ dünn sind – und deren AkteurInnen unterhalb der Armutsgrenze leben. Das
war die „Plattform für Alleinerziehende“, das waren Erwerbsloseninitiativen und
Gruppen von organisierten Flüchtlingen und AsylwerberInnen – vorwiegend
TschetschenInnen und AfrikanerInnen, da es diesbezüglich nur wenig
Organisationszusammenhänge gibt – sowie Selbsthilfegruppen von Menschen mit
Psychatrieerfahrungen und StraßenzeitungsverkäuferInnen. Von diesen
unterschiedlichen Gruppen sind 1-2 Leute dabei, die sich alle 3-5 Monate
treffen. Das Projekt gibt es nunmehr seit fast vier Jahren und es ist der
Versuch, Leuten, die sonst nie gehört werden, eine Plattform zu geben und davon
zu berichten, was ihnen selbst wichtig ist. Im Rahmen von
„Sichtbar-Werden" finden Aktionen statt wie unlängst in Linz: Die Beteiligten
haben aus Pappkartons Figuren ausgeschnitten und auf die eine Seite ihre
Wünsche geschrieben, auf die andere Seite hingegen die Faktoren, die sie an der
Verwirklichung eines guten Lebens hindern: politisch, gesellschaftlich und
persönlich in ihrem Umfeld.
Welche Hinderungsgründe für ein gutes Leben für alle wurden
im Rahmen dieser Aktion genannt?
Es gab zwei Ebenen: Zum einen die Gemeinschaftsebene, den
Freundeskreis und die Verwandtschaft, in der oft blöd geredet wird, wo die
Unterstützung fehlt; zum anderen wurden Institutionen stark kritisiert: Dies
betrift das Sozialamt, das AMS, das Gesundheitsversorgungssystem und die
Schule, die die AkteurInnen als ,Orte der Beschämung’ bezeichnet haben. Zu den
Forderungen zählten Maßnahmen wie die Mindestsicherung, sinnvolle Arbeitsmarktmaßnahmen
sowie die Besteuerung von Vermögen bis hin zur Forderung nach mehr
Verteilungsgerechtigkeit.
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Die angegebene Zahl bezieht sich auf das Jahr 2009. Die aktuelle Armutsgefährdungsschwelle (60% des Median-Einkommens)
betrug in Österreich für das Jahr 2018 1238 € pro Monat in einem Einpersonen-Haushalt. Der Wert erhöht sich um den Faktor 0,5 pro weiterer
erwachsener Person im Haushalt und um den Faktor 0,3 pro Kind (unter 14 Jahren).
18,1% der österreichischen Bevölkerung (1.563.000 Menschen) sind armuts- oder ausgrenzungsgefährdet, 14,4% der österreichischen
Bevölkerung (1.245.000 Menschen) sind armutsgefährdet, d.h. sie haben ein Einkommen unterhalb der Armutsschwelle.
Positionen der Armutskonferenz werden hier dargelegt
*in gekürzter Fassung erschienen in Unique 7/2009, S. 20