Interview Schenk


"Als Selbst-SprecherInnen auftreten,
die etwas zu sagen haben!"
Ein Gespräch mit Martin Schenk



in gekürzter Fassung erschienen in Unique 7/2009, S 20


In Österreich sind um die 214 000 Menschen manifest arm, berücksichtigt man zudem die Haushalte, die ihren Anspruch auf Sozialhilfe nicht geltend machen, gibt es hierzulande eine halbe Million Menschen unterhalb der gesetzlich festgesetzten Armutsgrenze von 900 Euro pro Monat. Wer arm ist, ist nicht nur der Stigmatisierung im Kontakt mit Institutionen und erhöhtem Stress im Alltag ausgesetzt, sondern stirbt auch früher. Über den Umgang mit dem in breiten Bevölkerungskreisen tabuisierten Phänomen Armut, Orte der Beschämung, Bedingungen für soziale Partizipation und strukturelle Maßnahmen zur Armutsbekämpfung hat Barbara Eder mit Martin Schenk gesprochen. Im Rahmen seiner Tätigkeit reagiert der Sozialexperte der Diakonie Österreich auf den gesellschaftlichen Befund wachsender Armutszahlen mit praxiswirksamen Strategien, die den von ökonomischer Armut Betroffenen zu mehr Handlungsfähigkeit verhelfen. 

In den 1920er Jahren hat Max Weber den Zusammenhang von protestantischer Ethik und Kapitalanhäufung in den Händen weniger nachgewiesen, Kapitalismus und Protestantismus sind historisch gesehen enge Verbündete. Woher kommt der moralische und/oder ideologische Imeptus der Diakonie sich heute in der Armutsbekämpfung zu engagieren?

Das Weber’sche Konzept der Auserwähltheit qua Statusfeststellung war zwar historisch wirkmächtig, theologisch ist es weniger begründbar. Der Vorstellung, dass auf dem/der Gottes Hand ruht, die/der es geschafft hat, steht die Idee einer Option für die Armen gegenüber. Letztere dreht die Webersche These vollkommen um: Wer nicht auf Seiten der Armen ist, stellt sich gegen Gott. Folglich muss man eine Entscheidung treffen, auf die Seite welcher Interessen man sich stellt. Sozialethik kann man nicht in den Wolken betreiben, sondern muss sich auf die Seite derer schlagen, die sonst nicht viel zu sagen haben. Eigentlich ist das ein radikaler Humanismus, verknüpft mit dem Einsatz für Benachteiligte – die, die eine höhere Verletzbarkeit haben, sozioökonomisch, physisch, psychisch und aufgrund ihrer Lebensumstände.

Was sind die Erscheinungsformen von Armut, wie sind die Lebenslagen der Menschen, die in die Beratungsstellen der Diakonie kommen?  

Das Problem ist, dass die Gruppe der von Armut Betroffenen zwar groß, aber vollkommen inhomogen ist und sich deshalb schwer Solidaritäten herstellen lassen. Zu den Beratungs-stellen kommen viele bäuerliche Familien, die bei einem Milchpreis von 38 Cent pro Liter von ihrer Tätigkeit nicht mehr leben können, prekär sind auch die in Kurzarbeit geschickten IndustriearbeiterInnen, LeiharbeiterInnen, die infolge der Krise als Erste entlassen wurden, MigrantInnen – besonders Frauen – im Reinigungsbereich und Handel sowie im Zeitungsverkauf, genauso wie das Kreativ- und AkademikerInnenprekariat, das die Beratung allerdings kaum in Anspruch nimmt. Von der ökonomischen Situation her ist dies allerdings das gleiche! 

Wie kann mensch Solidaritäten zwischen diesen sehr inhomogenen Gruppen herstellen?

Da bin ich zur Zeit selbst ein wenig ratlos. Die entscheidende Frage ist die, wie man Solidaritäten erzeugt. In Frankreich hat es eine Kundgebung von Erwerbsarbeitslosen, SozialhilfeempfängerInnen und den Sans Papiers gegeben, anlässlich derer Pierre Bourdieu von einem ,soziologischen Wunder’ gesprochen hat. Trotz Unterschiedlichkeit haben diese Gruppen gemeinsam Flugblätter geschrieben und sind auf die Straße gegangen. 

Die Hoffnung war groß über den Begriff der ,Prekarität’ Allianzen herzustellen. Der Begriff ,Armut’ eignet sich dazu nur bedingt, da dieser den Mangel sehr stark in sich trägt und sich niemand gerne als ,arm’ definiert. Diese Selbstdefinition löst zumeist Fürsorge aus und ist weitgehend ein Begriff der Armutsfunktionäre und der ExpertensoziologInnen – auch wenn er sich zum politischen Lobbying sehr gut eignet: Damit kann man den Staat dazu auffordern etwas zu tun. 

Bildung wird zumeist als Allheilmittel zur Vermeidung von Armut angepriesen, viele ehemalige StudentInnen finden jedoch auch nach dem Studienabschluss keinen Zugang zum Arbeitsmarkt und verdingen sich als ,working poor’. Welcher Zusammenhang besteht zwischen Bildung und Armut?

Statistisch ist der Zusammenhang zwischen Bildung und Erwerbslage ganz klar: Je mehr Bildung, desto weniger Arbeitslosigkeit, desto höheres Einkommen und desto mehr Vermögensbesitz. In Österreich gibt es jedoch kaum soziale Mobilität. Soziale Mobilität setzt nicht allein Bildung im Sinne von Wissen voraus, sondern vielmehr die ,richtigen’ FreundInnen, den ,richtigen’ Dialekt, die ,richtigen’ Freizeitaktivitäten und neben den ,richtigen’ Qualifikation – wobei sich der Arbeitsmarkt ständig ändert – auch den ,richtigen’ Namen. Einen serbokroatischen Namen zu haben, reduziert die Chance zu einem Vor-stellungsgespräch eingeladen zu werden, nach einer jüngeren Studie um 50 Prozent!

Bildung muss immer in diesen Zusammenhängen gesehen werden, es ist nichts isoliertes, sondern ein ,heißes’ Gut. Dazu kommt freilich noch die Verschleierung der Existenz der prekären Masse durch Individualisierungen anhand von Einzelfällen. Um die Weihnachtszeit werde ich oft angerufen mit den Worten: „Guten Tag, Herr Schenk, wir suchen eine allein-erziehende Mutter mit zwei Kindern für eine Fallbeschreibung!“ Diese Form der Bericht-erstattung lässt es zwar zu, Menschen als Objekte der Fürsorge darzustellen, nicht aber als ,Selbst-SprecherInnen’, die etwas zu sagen haben.

Wie werden aus Armutsbetroffenen ,Selbst-SprecherInnen’?

Es ist wichtig, Menschen in sozial schwierigen Situationen widerständig zu machen und sie zu stärken. Diesbezüglich kann man – dies ist auch aus der Sozialpsychologie und der Resilienzforschung bekannt – relativ klare Bedingungen formulieren: FreundInnenschaften und soziale Netzwerke sind wichtig um sozialen Zusammenhalt zu stärken und nicht allein zu sein. Selbstwirksamkeit meint, das Steuerrad des eigenen Lebens im engeren Umfeld in die Hand zu nehmen und beachtet zu werden, das Gegenteil wäre Ohnmacht. Der dritte Punkt betrifft Anerkennung und Respekt –  also das Gegenteil von Beschämung. Das weiss man auch von sich selbst: Wenn diese drei Faktoren zusammenwirken, ist das sehr bestärkend ! 

Einen derartigen Ansatz verfolgen wir auch  im Rahmen des Projekts „Sichtbar-Werden“. Wir wollen im Rahmen dieses Projekts Netzwerke bilden, Leute, auf die man sich auch verlassen kann. Wir arbeiten etwas aus, das unseren Forderungen entspricht und dann auch sichtbar und gehört wird. Wenn man sieht, was die Leute, die vom Arbeitsamt schikaniert werden und deren Fähigkeiten und Kenntnisse dadaurch entwertet werden, alles können, dann wird dieses Wissen wieder sichtbar.

Worum geht es im Projekt „Sichtbar-Werden“?

Im Rahmen dieses Projekts haben wir unterschiedliche Gruppen angesprochen, die bereits organisiert sind – wenngleich ihre Netze noch relativ dünn sind – und deren AkteurInnen unterhalb der Armutsgrenze leben. Das war die „Plattform für Alleinerziehende“, das waren Erwerbsloseninitiativen und Gruppen von organisierten Flüchtlingen und AsylwerberInnen – vorwiegend TschetschenInnen und AfrikanerInnen, da es diesbezüglich nur wenig Organisationszusammenhänge gibt – sowie Selbsthilfegruppen von Menschen mit Psychatrieerfahrungen und StraßenzeitungsverkäuferInnen. Von diesen unterschiedlichen Gruppen sind 1-2 Leute dabei, die sich alle 3-5 Monate treffen. Das Projekt gibt es nunmehr seit fast vier Jahren und es ist der Versuch, Leuten, die sonst nie gehört werden, eine Plattform zu geben und davon zu berichten, was ihnen selbst wichtig ist. Im Rahmen von „Sichtbar-Werden" finden Aktionen statt wie unlängst in Linz: Die Beteiligten haben aus Pappkartons Figuren ausgeschnitten und auf die eine Seite ihre Wünsche geschrieben, auf die andere Seite hingegen die Faktoren, die sie an der Verwirklichung eines guten Lebens hindern: politisch, gesellschaftlich und persönlich in ihrem Umfeld.

Welche Hinderungsgründe für ein gutes Leben für alle wurden im Rahmen dieser Aktion genannt?

Es gab zwei Ebenen: Zum einen die Gemeinschaftsebene, den Freundeskreis und die Verwandtschaft, in der oft blöd geredet wird, wo die Unterstützung fehlt; zum anderen wurden Institutionen stark kritisiert: Dies betrift das Sozialamt, das AMS, das Gesundheitsversorgungssystem und die Schule, die die AkteurInnen als ,Orte der Beschämung’ bezeichnet haben. Zu den Forderungen zählten Maßnahmen wie die Mindestsicherung, sinnvolle Arbeitsmarktmassnahmen sowie die Besteuerung von Vermögen bis hin zur Forderung nach mehr Verteilungsgerechtigkeit.

Positionen der Armutskonferenz werden hier dargelegt