Die kleine Ökonomie der Meerestiere

Arbeiten im Burgerrestaurant von Mister Krabs*



Nicht nur unter Kindern erfreut sich der Comicheld SpongeBob höchster Beliebtheit. Die Identifikation mit der Cartoon-Kreation von Paramount Pictures fällt auch Erwachsenen ausgesprochen leicht. Über einige Parallelen von animierter Unterwasserwelt und den gegenwärtigen Arbeitsbedingungen am Festland.


Beide sind prekär beschäftigt, haben die Hoffnung auf eine Fixanstellung mitsamt ihren sozialrechtlichen Vorteilen aber noch nicht aufgegeben: Die Rede ist von einem kleinen Meeresschwamm und seinem etwas größeren, seesternförmigen Kumpan, die sich in der amerikanischen Cartoonserie SpongeBob im Unterwasserrestaurant des Fastfoodkettenbesitzers Mister Krabs verdingen. Nur dem Anschein nach ist die animierte Welt besonders verdreht, obgleich absurd, behält sie stets den Anstrich des Alltäglichen. In vielem ähneln die Lebensverhältnisse auf Bikini Bottom den Existenzbedingungen an Land: Die Krosse Krabbe, auch bekannt als „The Krusty Krab“, entpuppt sich bald als maritimer McDonalds, in dem die Beschäftigten den ersten, selbstverdienten Penny ihres Arbeitgebers polieren.

Bikini Bottom ist keine postkapitalistische Utopie, unter Wasser arbeitet es sich nicht anders. Auch aus diesem Grund bliebt in jeder SpongeBob-Folge eine unauflösliche Spannung bestehen: Das Tragische wird niemals ernst genug genommen, um über SpongeBobs Malaisen und Missgeschicke nicht auch zu lachen, zeitweise bleibt einem dieses Lachen jedoch im Hals stecken. Noch ehe zwei flotte Hechte in Ledernietenkostüm SpongeBob zum Tennisspiel herausfordern, landet der Ball zwischen seinen Augen. Im McDonalds für Meerestiere geht währenddessen alles seinen gewohnten Gang: Mister Krabs gegenüber verhält auch ein verletzter SpongeBob sich loyal, er befolgt alle seine Befehle. Aufgrund seiner physiognomischen Ausstattung – SpongeBob ist ein Schwamm – haftet ihm dennoch etwas zutiefst Verletzliches und Weiches an. Seine Antagonisten sprechen ihm und seinem Seestern-Freund Patrick deshalb auch die nötige Härte ab, um die gestohlene Krone von König Neptun zurückzubringen, sie selbst bezeichnen sich oft als „kindisch und nicht männlich“. Am Ende finden SpongeBob und Patrick im Kinofilm SpongeBob – Der Film die Krone, konventionelle Männlichkeitsattribute haben sie während ihrer Reise dennoch nicht ausgebildet: Den Bart aus Seetang hat die Junior-Prinzessin Mindy unterwegs bloß angeklebt.

SpongeBob entzieht sich klassischen Männlichkeitsbildern, bleibt am Ende aber doch ein folgsamer Prekarier: Durch das Wiederfinden der Krone rettet er seinen Chef vor der drohenden Vereisung und wird daraufhin zum interimistischen Manager im Unterwasserrestaurant; für weitere Dienste am Herrn steht er stets zur Verfügung, bei schlechten Launen heitert er seinen Arbeitgeber auf. Die affektiven Zuckerl werden nicht nur aus Angst vor dem Arbeitsplatzverlust verteilt, SpongeBobs Witze gehören zu jenen Listen der Schwachen, die sie so sympathisch machen. Ihre Wirkung geht weit über die des Bildschirms hinaus: Eine nicht zu unterschätzende Anzahl von Facebook-Nutzer_innen gibt im Feld für „Arbeit und Ausbildung“ in regelmäßigen Abständen das Unterwasserrestaurant „The Krusty Krab“ an. Nicht selten heißen sie SpongeBob oder Patrick.

*erschienen in Unique 03/2007, S. 10