Happy Deterritorializations

erschienen in: Unique 6/2011, S 14


Mit „Los Superdemokraticos“ hat ein deutsch-bolivianisches Duo sich der transkulturellen Vernetzungstätigkeit verschrieben und dafür ein eigenes Idiom erfunden. Das Buch begann im Netz und versteht sich als „intellektueller Fairtrade“

Es ist mehr als mutig, in Zeiten des wachsenden Rassismus ein Buch mit einem kühnen Kochrezept zu beginnen. In der Einleitung zu „Los Superdemokraticos“ geben Rery Maldonado und Nikola Richter dezente Hinweise darauf, wie man die nötigen Vorbereitungen für die „Operation Sauerkraut“ in der eigenen WG-Küche trifft. Ursprünglich war dies ein Tarnname für Drogenexperimente der CIA; Maldonado und Richter lassen ihre LeserInnen mit der Verspätung eines halben Jahrhunderts an ihnen teilhaben und laden auch gleich die Bundeszentrale für politische Bildung dazu ein – so jedenfalls stellt es der einleitende Essay mit dem Titel „Über die Herstellung und Verbreitung von LSD im deutschen Haushalt“ in Aussicht. Was aber verbirgt sich hinter der Buchstabensuppe, die die beiden KreuzbergerInnen mit ihrem Buch anrühren?

LSD oder: Los SuperDemokraticos
LSD ist nicht nur der Name eines Buches, das rein zufällig mit denselben Initialen abgekürzt werden kann wie eine in den USA entwickelte psychoaktive Substanz; es ist auch eine Selbstbezeichnung für ein im Netz beheimatetes Kollektiv, das Kommunikation und Austausch zwischen MigrantInnen aus vornehmlich lateinamerikanischen Herkunftsländern fördert; gemeint ist damit weder eine DeserteurInnenberatung noch eine Antirassismus-Initiative; bislang veranstalteten die SuperdemokratInnen monatliche Kolloquien mit Djane-Unterstützung in der Kreuzberger Kneipe „La Pulqueria“ und das Berliner „Lakino“-Filmfestival. Hervorgegangen ist die Initiative aus einem Blogprojekt mit über zwanzig AutorInnen, die jenseits aller geografischen Barrieren im Netz veröffentlichen; mit „Los Superdemocraticos“ liegt das Best-of nunmehr in Buchform vor.

Mit Oma in Drag einmal über die Erdoberfläche googlen
Superdemokratisch, supervernetzt, super-queer? „Los Superdemokraticos“ enthält zwanzig kurze Texte, in denen neben nationalen Grenzen auch jene von Geschlechterbinarismen immer wieder überschritten werden; mit Klischees wie dem des „Latino-Machos“ oder der zivilisationsfernen „Tortilla-Bäckerin“ bringt die deutsche Mehrheitsgesellschaft sie immer wieder in Umlauf; in scharfem Kontrast dazu ist im Text von Luis Felipe Fabre etwa von der glücklichen Kunst des Travestierens zu lesen. Der Autor macht sich unter anderem Gedanken darüber, welche Geschlechtszugehörigkeit in den Fotografien von Del LaGrace Volcano parodiert wird und dekonstruiert den vermeintlichen Heroismus des vernarbten Mannes. Allan Mills hingegen würde gerne einmal mit seiner guatemaltekischen Großmutter über die Erdoberfläche googlen; von den Textprotokollen zwischen zwei geschlechtlich nicht markierten Größen Namens X und Y ist in seinem Text ebenso die Rede wie vom Problem, als lateinamerikanischer Mann unsichtbar gemacht zu werden, sobald man sich nicht wie ein solcher verhält: Die Weigerung, das eigene Becken im Rhythmus ,heißer’ Tänze zu bewegen, mehrt nicht nur den Zweifel an einer wie auch immer gearteten Herkunft, sondern auch den an der heterosexuellen Orientierung.

Fairtrade-Nische im Netz
Wer die online veröffentlichten Texte mag, wird sich auch im Buch wieder finden. „Wo bleibt bei so viel Macho-Vergnügen und Egozentrismus eigentlich deine Verantwortung als Mensch…“ entgegnete im Netz einst eine Bloggerin auf den Text von Leo Felipe Campos, der darin den Tod der eigenen Mutter thematisiert. „Man kann also nur als Mann (das heißt als Frau demnach nicht), das richtige Ausmaß der Kerbe in der Seele, die der Tod meiner Mutter hinterlassen hat, wirklich schätzen. Wie stereotyp, León!“, hieß es bis auf weiteres im Netz-Kommentar. Kritik wie diese wurde zum Teil sogar direkt in die für den Druck überarbeiteten Fassungen aufgenommen. Wenn die AutorInnen darin überhaupt noch auf die Integrationspaternalismen der deutschen Mehrheitsgesellschaft Bezug nehmen, dann tun sie es in widerständiger Form. Ihre Texte sind unkonventionell, heterogen, polyphon, netzförmig miteinander verbunden und so flüssig wie virtuelle Kapital-Ströme. Dennoch unterscheiden sie sich von letzteren in einem ganz bestimmten Punkt: Sie selbst sind die Fairtrade-Nische im Netz.

Rery Maldonado und Nikola Richter (Hg.): Los Superdemokraticos Berlin: Verbrecher-Verlag 2011.